| medizinale Wert dieser Pflanze und ihre Fähigkeit,
das Gehirn zu stimulieren und den Körper akiv und vital
zu erhalten, nichts geringeres als ein Wunder. Um in der heissen,
feuchten und feindlichen Umgebung, in der sie wohnen, zu überleben,
braucht man Wachheit und Kraft. Die Indianer verlassen sich
auf Guaranà, das ihnen, wie sie glauben, in ihrem fortwährendem
Kampf gegen den Dschungel hilft. Da auch Grossstädte als
eine Art Dschungel betrachtet werden kann, giltet dasselbe für
zivilisierte Gefielde. |
| Die über Generationen weitergegebene indianische
Überlieferung erzählt von den Ursprüngen des
Guaranà: Weit zurück im Nebel der Zeit wurde dem
Stamm ein Junge geboren. Er war kein gewöhnliches Kind,
sondern begabt, wie man es noch nie erlebt hatte – so
sehr, dass er den Neid der Waldgeister erregte, von denen einer
den Knaben in den Tiefen des Waldes erschlug. Der Leichnahm
des Wunderkindes wurde feierlich zu seinem Heimatdorf getragen
und einbalsamiert, doch seine Augen wurden im Wald-boden bestattet.
An diesem Platz entsprang ein Guaranàspross der Erde
und brachte den Menschen die Gabe der ewigen Wachsamkeit und
ständiger Aufmerksamkeit – das einzige Mittel, um
unter den Härten und gefahren des brasilianischen Regenwalds
zu überleben.
Doch was ist es nun, das diese Pflanze
den Menschen so wertvoll macht?
Zunächst ist die Guaranàpflanze ein Wunder der
Evolution. Sie überlebte, indem sie in ihrem Drang nach
Sonnenlicht die gigantischen Bäume im Amazonas-Dschungel
umschlang und an ihnen empor kletterte. Den Indianern gelang
es, diesen kräftigen Kletterer zu zähmen, und ihm
Laufe der Jahrhunderte kultivierten sie ihn zu einem robusten,
starken Strauch. Sie retteten ihn aus dem Wald und pflanzten
ihn in die Rodungsinseln ihrer Dörfer. Da der Guaranàstrauch
hier gedieh, konnten sie einen wertvollen Ertrag an Samen
ernten, ohne die riesigen Bäume erklimmen zu müssen,
deren Kronen sich oft erst sechzig Meter über dem Boden
ausbreiteten.
Dieses „Elixier ewiger Jugend“, wie die Indianer
es nennen, stellt die Wissenschaftler vor ein Parodoxon. Die
Eingeborenen verwenden es für eine Reihe einander wiedersprechen-der
Zwecke: es steigert die körperliche Leistungsfähigkeit
und reduziert den Appetit; es ist ein wirksames Mittel bei
Diarrhö und hilft ebenfalls bei Verstopfung; es lässt
Hitze und Feuchtigkeit besser ertragen und wird als kühlendes,
erfrischendes Getränk geschätzt.
Bereits 1893 findet sich zum Thema „Gesundheit“
in Everybody's Pocket Cyclopaedia, einem Nachschlagewerk,
das in Grossbritannien in wenigen Jahren in 560 00 Exemplaren
abgesetzt wurde, folgender Eintrag:
„Megrim oder Kopfschmerzen mit Übelkeit: Es gibt
mehrere Arten von Megrim, die bekan-ntesten Formen sind Hemikranie,
Blindheits- und Gallen- Kopfschmerz. Dieses leiden kommt bei
Frauen häufiger vor als bei Männern, die erste Attake
tritt oft im Alter von etwa zehn Jahren auf. Die Anfälle
kommen gewöhnlich ein- oder zweimal im Monat und können
zwei bis vier Tage dauern; während dieser Zeit setzen
sie den Patienten völlig auser Gefecht. Manchmal werden
sie begeleitet von Anfällen von Doppelsichtigkeit, und
zuweilen enden sie mit einer Phase starker Übelkeit.
Nicht selten gehen sie einher mit einer Neuralgie, und viele
Arzneien, die für Megrim empfohlen werden, sind auch
zur Behandlung von Nervenschmerzen geeignet. Die Anfälligkeit
zur Attake hängt weitgehend vom allgemeinen Gesundheits-
zustand ab. Die Beschwerden kommen viel häufiger, wenn
der Patient unterernährt ist, zuwenig Bewegung hat oder
unter Verstopfung leidet. Eine der besten Arzneien für
dieses Leiden ist Guaranà oder brasilianischer Kakao,
der dreimal täglich in Dosen von fünf Gran (= 320
mg, d. Übers.) gegeben werden sollte.“
Eine der Hauptbestandteile des Guaranà ist eine chemische
Verbindung namens „Guaranin“. Ihre Struktur ähnelt
der des Koffeins, was ihre tonisierenden und stimulierenden
Wirkungen erklärt. Man hat versucht, die isolierte Wirksubstanz
als Medizin einzusetzen. Doch dabei hat sich die Weisheit
der eingeborenen als richtig erwiesen. Die Indianer verwenden
ausschliesslich die ganzen Samen, und dabei gibt es keine
Nebenwirkungen. Obwohl die Eigenschaften koffeinähnlich
sind, entfalten sie in Verbindung mit den anderen Bestandteilen
der Pflanze eine sanfte und anhaltende Wirkung. Dank dem ebenfalls
relativ hohen Tanningehalt ist Guaranà so gut geeignet
für die Behandlung von Diarrhö und Verdauungsproblemen.
Noch wichtiger ist jedoch: Guaranà enthält starke
Saponine, die jenen ähnlich sind, die man im Ginseng
feststellte. Sie wirken als Gegengewicht zur Stimulation durch
das Guaranin. |